abwärtsdrang_1abwärtsdrang_2

Objektperformance / 2014 / 130 x 80 x 220 cm / Pappmaché Regal mit Ultraschallnebler

Alles muss im Überfluss vorhanden sein, dann sind wir nie allein. (Tocotronic)
Das Paradies mag man sich vorstellen wie die Obstabteilung im Supermarkt: ein angenehm temperierter Ort, an dem ein fürsorglicher Gott Appetitliches in allen Farben und Geschmacksrichtungen angerichtet hat. Ein jedes Ding schimmert in jungfräulicher Frische, vom Sprühnebel des Warenbefeuchters wie vom kühlen Morgentau benetzt. Aus dem Paradies sind wir vertrieben; der Supermarkt dagegen sagt freundlich "Hereinspaziert" und begrüßt uns mit seinem makellosen Sortiment. Nur Gefälliges ist hier versammelt, denn das Angeschlagene, Vertrocknete, Schrumplige, Krumme, Abgelaufene wird aus der Auslage genommen und landet im Container. So bleibt der Schein schön und das Defekte unsichtbar. Längst freilich hat dieses darwinistische Prinzip auch von der Welt außerhalb des Supermarkts Besitz ergriffen: von persönlichen Lebensentwürfen, Arbeitsverhältnissen, intimen Beziehungen. Wenn Simone Kessler ein leeres Pappmachéregal unter der feinen Wolke eines Wasserzerstäubers aus dem Leim gehen und zusammenbrechen lässt, ist das deshalb nicht nur ein ironisch-bissiger Kommentar zu den Kapriolen des Konsums. Die dysfunktional verkrüppelte, sich schließlich selbst zerstörende Apparatur lenkt den Blick auch auf die Frage, was inmitten einer an sozialer Fitness, Selbstoptimierung und biographischer Verschönerungsarbeit orientierten Gesellschaft mit denen geschehen soll, die diesen Anforderungen nicht gewachsen sind. Und vielleicht muss man sich das wahre Paradies dann doch eher wie einen Flohmarkt oder einen Trödelladen vorstellen: alles darf seinen Platz haben, und alles wird von irgendwem gebraucht - möglicherweise sogar ein kaputtes Obstregal aus Pappendeckel.

(Text: Dr. Christian Hartard)