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Installation / 120 x 50 x 110 cm / 2012 / Kunstoffkörper, LEDs, Fell und zwei runde Metallplatten

(…) das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen (…).“ R. M. Rilke
Was uns Angst macht: das ist das Andere. Das, was im Finstern lauert, was von draußen kommt, fremd ist. Wenn wir schon mit Unsicherheiten leben müssen, ist das die einzige Sicherheit, die wir haben: das Bedrohliche vom Harmlosen unterscheiden zu können. Die Gefahr zu benennen, zu lokalisieren, abzusondern. Das Gute hat seinen Platz und das Böse hat seinen Platz, und solange wir wissen, wo die Fronten verlaufen, scheinen die Dinge geordnet und berechenbar. Nur manchmal brechen Zweifel in unsere Gewissheiten. Dann wird es unheimlich. Simone Kesslers Installation „Herrschewald“ spielt genau mit diesem Riss ins Vertraute: ein schreckstarres Reh im grellen Aufblendlicht, den Kopf abgewandt, festgefroren im Moment zwischen noch möglicher Rettung und schon unabwendbarer Katastrophe. Doch die Klarheit des Bildes kippt, sobald wir nähertreten, um das Tier von vorne zu sehen.Nichts ist, was es auf den ersten Blick scheint. Lebewesen oder Apparat? Jäger oder Gejagte? Täter oder Opfer? Das wird zu einer Frage der Perspektive. Und das Beunruhigende ist: dass man sich den Schrecken nicht durch Flucht vom Leib halten kann, weil er als unsere andere Seite immer schon da ist. Was uns Angst macht: das sind wir selbst.

(Text: Christian Harthard)