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Skulptur/ 2008 / 130 x 80 x 220 cm / Schokolade und Stagniolpapier


„Das wichtigste Kennzeichen der Konsumgesellschaft (…) ist die Verwandlung vom Konsumenten in Waren; genauer: ihre Auflösung in der Warenflut.“ (Zygmunt Bauman: Leben als Konsum, 2009)

Romantische Helden verzehren sich vor Sehnsucht, tragische vor Kummer. Simone Kesslers Goldengel aber – dessen Urbild auf einer Säule über Münchens Nobel-Stadtteil Bogenhausen flattert – verzehrt sich vor schierer Selbstverliebtheit. Aus seiner glänzenden Stanniolhaut entblättert sich ein verführerisch-süßer Leib aus Zartbitterschokolade, zwei Finger sind schon halb verspeist, eine braune Schokoladenzunge schleckt genüsslich an den Überresten. Der klinische Befund lautet „Autokannibalismus“; „Konsumismus“ wäre die soziale Diagnose. Denn nichts anderes heißt ja „consumare“: verzehren. Dass der hedonistische Rausch an die Substanz geht, entspricht der totalitären Neigung des ökonomischen Systems, die Konsumlogik überallhin auszudehnen, den Menschen eingeschlossen. Unter dem Slogan „Ich shoppe, also bin ich“ wird Warenkonsum zum Mittel, sich der eigenen Existenz zu versichern – und die eigene Existenz zur Konsumware. So stecken jene, deren schlimmster Alptraum es ist, inmitten des Überflusses selbst überflüssig zu werden, immense Energien in die wertsteigernde Verschönerungs- und Dressurarbeit an ihrer Biographie und deren Accessoirs: der stromlinienförmigsten Karriere, dem schönsten Dekolletédesign, dem besten Sex, dem apartesten Burnout-Syndrom. Das ganze Leben – eine Investition. Jedes Ding hat seinen Preis, auch die Haut, die man zu Markte trägt, und wo alles verfügbar ist, kann der eigene Körper nicht unverfügbar bleiben. Er wird zum größtmöglichen Kick, zur höchsten Lust, zum ultimativen Genussgut. Nach diesem letzten, selbstzerstörerischen Delirium kommt nichts mehr, nicht einmal ein böses Erwachen. Erst frisst der Konsumismus seine Kinder, dann sich selbst.

(Text: Christian Harthard)